Christlich Demokratische Union Deutschlands


Christlich Demokratische Union Deutschlands
Chrịstlich Demokratische Union Deutschlands
 
[k-], Abkürzung CDU, politische Partei, gegründet im Juni 1945 in Berlin (SBZ) sowie in Köln und im Rheinland, organisierte sich seit Dezember 1945 auf der Ebene der Besatzungszonen und der neu geschaffenen deutschen Länder und nahm den gemeinsamen Namen »Christlich-Demokratische Union Deutschlands« an. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) schlossen sich die in den drei westlichen Besatzungszonen entstandenen Landesverbände im Oktober 1950 auf Bundesebene unter dem Vorsitz von K. Adenauer (1950-66) zusammen. Hatte die CDU seitdem maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland, so nahm sie als Christlich-Demokratische Union Deutschlands ab Ende 1947 in der SBZ beziehungsweise (ab 1949) in der DDR (bis 1989) eine andere Entwicklung.
 
Die Programmatik der CDU entwickelte sich aus der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur und angesichts der Aufgabe, ein demokratisches Deutschland aufzubauen. Getragen von gemeinsamen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus, sollten Christen aller Konfessionen beziehungsweise alle christlich orientierten Kräfte programmatisch im Rahmen einer überkonfessionellen politischen »Union« als allen sozialen Schichten offene Volkspartei gesammelt werden und Verantwortung für das staatliche Leben übernehmen, das auf christlicher, demokratischer und föderativer Basis gegründet sein sollte. Ausgehend von den »Kölner Leitsätzen« vom 1. 7. 1945 traten zunächst in den wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen, geprägt v. a. von Kreisen der rheinisch-westfälischen CDU, Ideen eines christlichen Sozialismus zur Sozialisierung von Schwerindustrie und Bergbau (Ahlener Programm vom 3. 2. 1947) in den Vordergrund. In den »Frankfurter Leitsätzen« vom 14. 10. 1945 befürworteten Persönlichkeiten wie W. Dirks und E. Kogon im Rahmen eines demokratischen Rechtsstaates einen »wirtschaftlicher Sozialismus auf demokratischer Grundlage«. Gegenüber diesen Vorstellungen setzte sich jedoch im Rahmen der »Düsseldorfer Leitsätze« (15. 7. 1949 und des »Hamburger Programms« (April 1953) die Konzeption der »sozialen Marktwirtschaft« L. Erhards durch. Im selben Programm schrieb die CDU die außenpolitische Leitvorstellung Adenauers fest: Einbau der Bundesrepublik Deutschland in die atlantische Allianz und ihre Einbeziehung in die westeuropäischen Einigungsbemühungen bei Offenhaltung der deutschen Wiedervereinigungsfrage. 1971 modifizierte die Partei ihre Aussagen zur Deutschland-Politik: sie lehnte zwar nach wie vor die Anerkennung der DDR ab, befürwortete aber Vereinbarungen mit der DDR, die den Zusammenhalt der Deutschen in Ost und West förderten. Im Ludwigshafener »Grundsatzprogramm« (1978) bekannte sie sich zur Idee einer Volkspartei, die die »festen sozialen Lebensformen« (Familie, Staat, Kirche) in den Mittelpunkt ihrer Politik stellt.
 
Mit Manifesten zur Vereinigung mit der ostdeutschen CDU (1990) sowie zu den Aufgaben der deutschen (1991) beziehungsweise europäischer Politik (1992) versucht die CDU, »Zukunft gemeinsam (zu) gestalten«.
 
Im erneuerten Hamburger »Grundsatzprogramm« (»Freiheit in Verantwortung«; 1994) fordert die seit 1990 gesamtdeutsche Partei u. a. die Ergänzung der sozialen Marktwirtschaft um die ökologische Dimension, die Förderung von Zukunftstechnologien, die Beachtung der gewachsenen internationalen Verantwortung Deutschlands und die Verankerung der Politik der europäischen Einigung.
 
Nach kontroverser Diskussion wurde 1995 die Einführung des Instruments der Mitgliederbefragung in Personalentscheidungen beschlossen.
 
 
Die CDU ist auf Orts-, Kreis-, Landes- und Bundesebene organisiert; sie hatte 1995 685 000 Mitglieder. Höchstes Organ ist der Bundesparteitag. An der Spitze des von ihm gewählten Bundesvorstandes steht der Bundesvorsitzende: nach Adenauer 1966/67 L. Erhard, 1967-71 K. G. Kiesinger, 1971-73 R. Barzel, 1973-98 H. Kohl, 1998-2000 W. Schäuble, seitdem A. Merkel. Seit 1967 gibt es das Amt des Generalsekretärs: 1967-71 Bruno Heck (* 1917, ✝ 1989), 1971-73 Konrad Kraske (* 1926), 1973-77 K. Biedenkopf, 1977-89 H. Geissler, 1989-92 V. Rühe, 1992-98 P. Hintze (* 1950), 1998-2000 A. Merkel, April bis November 2000 Ruprecht Polenz (* 1946), seit November 2000 Laurenz Meyer (* 1948). Von großem Einfluss auf die parteipolitische Linie sind v. a. der 1963 gegründete »Wirtschaftsrat e. V.«, der die Interessen besonders des selbstständigen Mittelstandes vertritt, und - in geringerem Maße - die seit 1947 bestehenden »Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft« (CDA). Jugendorganisation der Partei ist die Junge Union.
 
 
Unabhängig voneinander und mit programmatisch unterschiedlichen Ansätzen verfolgten im Juni 1945 verschiedene regionale Aufrufe die Sammlung der christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte des deutschen Volkes; neben Berlin waren in den ehemaligen Hochburgen der Deutschen Zentrumspartei, in Köln und im Rheinland (bis Ende 1945 ohne direkte Mitwirkung Adenauers) sowie bis Herbst 1945 in Westfalen, Hessen (Frankfurt), in Hamburg und in Nordwestdeutschland regionale Gründungen (als »Christlich-Demokratische Partei«) erfolgt. Dabei traten nicht nur Mitglieder der früheren Zentrumspartei und der christlichen Gewerkschaften hervor (z. B. J. Kaiser, L. Schwering und K. Arnold), sondern auch Persönlichkeiten aus anderen Parteien der Weimarer Republik, so E. Lemmer und O. Nuschke (beide »Deutsche Demokratische Partei«), T. Steltzer (»Deutsche Volkspartei«) sowie H. Lukaschek und H. Schlange-Schöningen (konservativ-deutschnationale Gruppen). Nach dem ersten »Reichstreffen« in Bad Godesberg (14.-16. 12. 1945) nannte sich die Partei CDU. Der Aufruf des Zonenausschusses der CDU der britischen Zone von Neheim-Hüsten (1. 3. 1946) wurde zum ersten offiziellen Parteiprogramm. Der »rheinische Flügel« um Adenauer (seit 5. 2. 1946 Vorsitzender der rheinischen CDU sowie seit 1. 3. 1946 Vorsitzender der CDU in der britischen Zone) konnte sich zunehmend gegenüber dem »linken« Gewerkschaftsflügel um Kaiser (Ende 1945-47 Vorsitzender der ostzonalen CDU) durchsetzen. Der überzonale Zusammenschluss beziehungsweise die Formierung zur bundesdeutschen Partei wurde auf dem ersten Bundesparteitag in Goslar (20.-22. 10. 1950) abgeschlossen. Bei den Bundestagswahlen vom 14. 8. 1949 gewann die CDU 25,2 % der Stimmen, gemeinsam mit der CSU, mit der sie seitdem im Bundestag eine Fraktionsgemeinschaft bildet, 31,0 %. 1949-69 stellte sie mit Adenauer (1949-63), Erhard (1963-66) und Kiesinger (1966-69) den Bundeskanzler, 1959-69 mit H. Lübke den Bundespräsidenten. Zwischen 1949 und 1966 bildeten CDU und CSU meist eine »kleine Koalition« v. a. mit der FDP (ausgenommen: 1955-61), 1966-69 eine »große Koalition« mit der SPD. Unter der Wirkung von Erhards Wirtschafts- und Adenauers Außenpolitik konnte die CDU bei den Bundestagswahlen am 6. 9. 1953 ihren Stimmenanteil steigern (36,4 %, mit der CSU: 45,2 %) und am 15. 9. 1957 mit der CSU die absolute Mehrheit gewinnen (CDU: 39,7 %, CDU/CSU: 50,2 %). Nach deren Verlust am 17. 9. 1961 (CDU: 35,8 %, CDU/CSU: 45,3 %; v. a. unter dem Eindruck des Baus der »Berliner Mauer«) blieben die Unionsparteien bei den Bundestagswahlen am 19. 9. 1965 (CDU: 38,0 %, CDU/CSU: 47,6 %) und am 28. 9. 1969 (CDU: 36,6 %, CDU/CSU: 46,1 %) zwar stärkste Gruppierung im Bundestag, sahen sich aber einer erstarkenden SPD-Fraktion gegenüber. Innerparteilich rangen in den 60er-Jahren Anhänger einer kleinen und großen Koalition miteinander, ebenso wie - im Hinblick auf die Außenpolitik - Befürworter eines (mehr nach Frankreich hingewandten) »gaullistischen« und eines (stärker den USA zuneigenden) »atlantischen« Kurses.
 
Nach den Bundestagswahlen vom 28. 9. 1969 und der Bildung der »sozialliberalen Koalition« (SPD/FDP) standen die Unionsparteien 1969-82 in der Opposition und bekämpften neben der Wirtschafts- und Finanzpolitik der Regierung besonders deren Ost- und Deutschlandpolitik. Am 24. 4. 1972 scheiterte ein konstruktives Misstrauensvotum (Kanzlerkandidat: R. Barzel) gegen Bundeskanzler W. Brandt (SPD; 1969-74). Im Anschluss an die Bundestagswahl am 3. 10. 1976, bei der CDU und CSU ihre Position als stärkste Fraktion im Bundestag zurückgewannen, kam es zu einer schweren Kontroverse zwischen den beiden Unionsparteien über den richtigen Weg zur Rückgewinnung der Regierungsmacht (zeitweilige Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft durch die CSU). Mit der Kanzlerkandidatur von F. J. Strauss (CSU) bei den Bundestagswahlen am 5. 10. 1980 fand dieser Konflikt im Sinne der CSU eine Lösung. Auch nach diesen Wahlen (CDU: 34,2 %, CDU/CSU: 44,5 %) sahen sich die Unionsparteien wieder in die Opposition verwiesen. Im Rahmen eines von beiden Parteien und dem größeren Teil der FDP-Fraktion getragenen konstruktiven Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler H. Schmidt (SPD; 1974-82) wählte der Bundestag am 1. 10. 1982 H. Kohl zum Bundeskanzler, der nach den Wahlen vom 6. 3. 1983 und 25. 1. 1987 im Amt bestätigt wurde. Während CDU und CSU bei den Wahlen von 1983 starke Stimmengewinne verbuchen konnten (CDU: 38,2 %; CDU/CSU: 48,8 %), mussten sie 1987 erhebliche Stimmenverluste hinnehmen (CDU: 34,5 %, CDU/CSU: 44,3 %). Mit K. Carstens (1979-84) und R. von Weizsäcker (1984-94) übernahmen CDU-Politiker erneut das Amt des Bundespräsidenten.
 
Die Forderung nach der Wiedervereinigung Deutschlands nie aufgebend, setzte sich die CDU 1990 für die schnelle Herbeiführung der deutschen Einheit ein. Am 1. 10. 1990 konstituierte sich die CDU unter Aufnahme der Landesverbände in den neuen Ländern als gesamtdeutsche Partei. Erster gesamtdeutsche Bundesvorsitzender wurde H. Kohl, sein Stellvertretender zunächst L. de Maizière, 1991 Angela Merkel; im Oktober 1992 wurden zusätzlich H. Eggert (ab Oktober 1995 C. Bergner), N. Blüm und E. Teufel als Stellvertretende gewählt. Der Wahlsieg bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen am 2. 12. 1990 (CDU: 36,7 %; CDU/CSU: 43,8 %) bestätigte die nationale Politik und gab der CDU als stärkster Partei (gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner FDP und in Fraktionsgemeinschaft mit der CSU) den eindeutigen Auftrag zur Ausgestaltung der deutschen Einheit. Programmatisch wurde deshalb auch im »Dresdener Manifest« (Dezember 1991) dem Aufbau Ostdeutschlands Priorität vor anderen Aufgaben eingeräumt. Am 23. 5. 1994 wurde R. Herzog als Kandidat der CDU erster gesamtdeutsch gewählter Bundespräsident Bei den Bundestagswahlen vom 16. 10. 1994 errang die CDU (34,2 %; CDU/CSU: 41,5 %) mit ihren Partnern nur knapp die Mehrheit (48,4 %), konnte aber die Regierungsarbeit unter H. Kohl fortsetzen. Nach der Wahlniederlage vom 27. 9. 1998 (28,4 %; CDU/CSU: 35,1 %) ging die CDU unter ihrem neuen Vorsitzenden W. Schäuble in Opposition zu der von SPD und Bündnis 90/Die Grünen gestellten Regierung; neue stellvertretende Vorsitzende wurden, neben A. Merkel, J. Rüttgers, Christian Wulff (* 1959) und V. Rühe. Die Ende 1999 bis Herbst 2000 die innenpolitische Diskussion in Deutschland beherrschende Finanz- und Parteispendenaffäre, in deren Gefolge H. Kohl den Ehrenvorsitz (seit 1998) und W. Schäuble den Bundesvorsitz niederlegten, versuchte die CDU zu einem personellen und strukturellen Neuanfang zu nutzen, u. a. Reform der Parteiarbeit, des Finanzmangements. Die neue Führung unter A. Merkel und F. Merz (seit 2000 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) versuchte, die politische Offensive insbesonders über die Diskussion über eine »neue soziale Marktwirtschaft« sowie über die Zuwanderung nach Deutschland zurückzugewinnen. Im Januar 2002 wurde mit E. Stoiber erstmals nach 1980 (F. J. Strauß) wieder ein Vertreter der CSU Kanzlerkandidat von CDU und CSU für die Bundestagswahlen im September 2002.
 
Ab 1945/46 ist die CDU an der Bildung zahlreicher Landesregierungen beteiligt. Seit der Gründung europäischer Vereinigungen (1947) arbeitet die CDU mit den europäischen christlich-demokratischen Parteien zusammen; im Juli 1976 war sie maßgeblich an der Gründung der Europäischen Volkspartei (EVP) beteiligt. Ab 1978 ist sie auch Mitglied der mit der EVP eng verflochtenen »Europäischen Demokratischen Union« (EDU). Bei den Direktwahlen zum Europäischen Parlament errang die CDU 1979 39,1 % (CDU/CSU: 49,2 %), 1984 37,5 % (CDU/CSU: 45,9 %), 1989 29,5 % (CDU/CSU: 37,8 %), 1994 32,0 % (CDU/CSU: 38,8 %) sowie 1999 39,3 % (CDU/CSU: 48.7 %) der Stimmen; beide entsandten 1994 47, 1999 53 Abgeordnete in die EVP-Fraktion.
 
 
K. Buchheim: Gesch. der christl. Parteien in Dtl. (21966);
 A. R. L. Gurland: Die CDU/CSU. Ursprünge u. Entwicklung bis 1953 (1980);
 H. Pütz: Die CDU (41985);
 W. Schönbohm: Die CDU wird moderne Volkspartei. Selbstverständnis, Mitgl., Organisation u. Apparat 1950-80 (1985);
 
Gesch. der christlich-demokrat. u. christlich-sozialen Bewegungen in Dtl., hg. v. G. Rüther, 2 Bde. (1986);
 B. Kraheu. M. Seibel: Bibliographie zur Geschichte der CDU u. CSU 1981-1986. Mit Nachträgen 1945-1980 (1990);
 J. Schmidt: Die CDU (1990);
 H.-O. Kleinmann: Gesch. der CDU. 1945-1982 (1993);
 
Kleine Gesch. der CDU, bearb. v. F. Becker (1995);
 
Die CDU-Parteiprogramme. Eine Dokumentation der Ziele u. Aufgaben, hg. v. P. Hintze (1995).

Universal-Lexikon. 2012.

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